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Kurzbericht: Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung in Kanada

Autoren: Dr. Antje Erler und Dr. Lisa Ulrich

 

Der zunehmende Mangel an (haus)ärztlichem und pflegerischem Nachwuchs bei einem gleichzeitig steigenden Versorgungsbedarf von älteren multimorbiden Patienten erfordert insbesondere in ländlichen Regionen neue Versorgungsmodelle und Behandlungskonzepte, wie es bspw. der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) in seinem Gutachten von 2014 mit dem umfassenden Modell der lokalen Gesundheitszentren zur Primär- und Langzeitversorgung vorschlägt. Charakteristika dieser Zentren sind, dass Patienten und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen und die Behandlung um den Patienten herum durch ein multiprofessionelles Team geplant und erbracht wird. Vorbilder für das SVR-Modell sind u. a. die Family Health Teams (FHT) und Community Health Centres (CHC), die in Kanada, den USA und den skandinavischen Ländern seit längerem etabliert sind.

Mount Forest Family Health Team, Ontario / Foto: Dr. Lisa Ulrich

Mount Forest Family Health Team, Ontario / Foto: Dr. Lisa Ulrich

Ziel

Das Ziel der Teamhospitation im Rahmen des Programms „Care for Chronic Condition“ vom 09.07.2016 – 17.07.2016 zu vier FHT und einem CHC in Ontario (Kanada) war zu erfahren, wie die Patientenversorgung im jeweiligen Modell anhand konkreter Praxisbeispiele funktioniert, welche unterschiedlichen Gesundheitsprofessionen an der Versorgung beteiligt sind, welche Systemvorgaben (z. B. Vergütung / Finanzierung) dafür benötigt werden und wie die Arbeit in Hinblick auf patientenrelevante Zielgrößen evaluiert wird.

Ergebnisse

Vor ca. 15 Jahren stand das kanadische Gesundheitssystem vor den gleichen Herausforderungen, wie sie derzeit auch in Deutschland zu beobachten sind. Die jeweilige kanadische Regierung verabschiedete diverse Gesundheitsreformen, die alle die finanzielle Förderung und den weiteren Ausbau der CHC sowie die Etablierung der FHT beinhalteten. Die Primärversorgung im Team, bestehend aus (Haus-)Ärzten, Pflegekräften und weiteren Gesundheitsprofessionen, das auf Augenhöhe gemeinsam die Versorgung eines Patienten plant, koordiniert und praktiziert, hat im Zuge dieser Reformen einen wichtigen Stellenwert eingenommen.

Kurzdarstellung des South East Toronto Family Health Team / Foto: Dr. Lisa Ulrich

Kurzdarstellung des South East Toronto Family Health Team / Foto: Dr. Lisa Ulrich

Transfer

Die Ergebnisse der Teamhospitation sollen auf unterschiedlichen Wegen genutzt und transferiert werden. Zum einen möchten wir die gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen unserer Beratungsangebots (www.innovative-versorgungsmodelle.de) weitergeben. Zum anderen sollen die Ergebnisse durch Beiträge auf wissenschaftlichen Kongressen und/oder Artikeln in Fachzeitschriften vorgestellt und als Ausgangspunkt für weitere Forschungsideen genutzt werden.

Fazit

Durch die Teamhospitation bei einzelnen FHT und CHC in Ontario (Kanada) konnten wir neue Erkenntnisse, neues Wissen und Impulse für unsere wissenschaftliche Arbeit sammeln. Einige der Ansätze aus Kanada lassen sich auch für Deutschland übernehmen, wenn auch nicht alle für das deutsche Gesundheitssystem sinnvoll, nötig oder umsetzbar sind. Persönlich durften wir äußerst aufgeschlossene und freundliche Menschen kennenlernen, mit denen wir fachlich, aber auch persönlich im Austausch bleiben möchten.

Dr. med. Antje Erler, MPH, ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Gesundheitswissenschaftlerin, Leiterin des Arbeitsbereichs Innovative Versorgungsformen und Gesundheitssystemforschung, Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt

Dr. rer. med. Lisa Ulrich, MPH, ist Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin und stellvertretende Leiterin des Arbeitsbereichs Innovative Versorgungsformen und Gesundheitssystemforschung, Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt