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Kurzbericht: Heart Failure Management in der Schweiz

Autorin: Constanze Richter

 

Die chronische Herzinsuffizienz stellt eine große Herausforderung für die Gesundheitssysteme dar. Allein in Deutschland leben derzeit zwei bis drei Millionen Betroffene. Geschätzt wird, dass sogar jeder zehnte Deutsche über 70 Jahre an Herzschwäche leidet. Die Erkrankung ist noch nicht heilbar und fordert dadurch die Versorgungsleistung auf allen Ebenen. Hohe Rehospitalisierungsraten machen es notwendig, neue Maßnahmen zu entwickeln, in denen auch Patienten eingebunden sind und dadurch die Versorgung stützen. Hier angesprochene Selbstmanagementfähigkeiten und das Erlernen von Copingstrategien (Bewältigungsstrategien) haben sich bereits bei anderen chronischen Erkrankungen, wie bei Diabetes, vielfach bewährt.

Herzschwächepatienten profitieren von intensiver telefonischer Beratung

Am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) wurde gezeigt, dass auch Herzschwächepatienten von Schulungsmaßnahmen und intensiver telefonischer Betreuung nachhaltig profitieren. Das Zentrum hat das sogenannte HeartNetCare-HF™-Disease Management Programm (DMP) für Patienten mit chronischer Herzschwäche entwickelt und in einer groß angelegten klinischen Studie evaluiert (Angermann & Störk et al, Circulation Heart Failure 2012; 5:25-35).

HeartNetCare-HF™ bewirkt bei den Patienten eine Besserung der subjektiven und objektiven Leistungsfähigkeit und Lebensqualität und reduziert dadurch die Mortalitätsrate um 40 Prozent und reduziert im Langzeitverlauf die Rehospitalisierungsraten. Erreicht wird dies durch eine weiterführende Betreuung der Patienten. Neben fachärztlicher Behandlung teten Herzinsuffizienzfachpflegekräfte im Würzburger DMP in Aktion und nehmen eine Schlüsselposition in der Versorgungskette ein.

Ziel ist es nun, das DMP für die kassenfinanzierte Standardversorgung in Deutschland nutzbar zu machen. Am DZHI werden derzeit unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Störk gemeinsam mit Krankenkassen und Gesundheitspolitikern Bemühungen unternommen, das DMP in die Regelversorgung einzuführen. In diesem Kontext spielen ausgebildete Herzinsuffizienzfachpflegekräfte eine herausragende Rolle. In einigen europäischen Ländern, wie zum Beispiel der Schweiz, gehört die Berufsgruppe bereits seit mehreren Jahren fest zur Patientenversorgung.

Herzinsuffizienzfachpflegekräfte in vielen Ländern bereits etabliert

In der Schweiz gibt es bereits seit mehreren Jahren etablierte und bewährte Behandlungs- und Schulungskonzepte für Herzschwächepatienten. Auch in England und einigen skandinavischen Nationen sind „Herzschwestern“ im Einsatz. In Deutschland hingegen gibt es nur wenige Standorte, an denen Fachpflegekräfte in die Versorgung von Herzschwächepatienten integriert sind.

Hospitation in der Schweiz

Durch meine Hospitation in der Schweiz wollte erleben, wie die Versorgung von Herzinsuffizienzpatienten in der Schweiz erfolgt – und möglichst viele Ansätze für die Gesundheitsförderung der Betroffenen in Deutschland kennenlernen. Ziel ist es auch, die gesammelten Erfahrungen in ein Schulungskonzept zu integrieren, das künftig im deutschen Gesundheitssystem Anwendung finden soll.

Mein persönliches und fachliches Ziel ist, dass alle Patienten, die mit einer akuten oder chronischen Herzinsuffizienz in das Universitätsklinikum Würzburg oder in andere Krankenhäuser eingewiesen oder ambulant betreut werden, durch Herzinsuffizienzfachpflegekräfte betreut werden und dadurch mehr Lebensqualität trotz chronischer Erkrankung zurückgewinnen. In der Schweiz wird diese moderne Form der Fachpflege bereits sehr intensiv betrieben und gelebt. Am DZHI konnten wir ähnliche Strukturen in der oben genannten Studie bereits modellhaft testen.

Ambulante und stationäre Versorgung sind eng verzahnt

Besonders interessant war für mich zu sehen, wie die Entwicklung und Umsetzung der Herzinsuffizienzberatung und -edukation im stationären und ambulanten Bereich des Inselspitals Bern gelebt wird. Ich habe gesehen, dass in Bern mit einem gut durchdachten Konzept gearbeitet wird, das sich im praktischen Alltag auf Station und im Ambulatorium für Herzinsuffizienz und Herztransplantation bewährt hat. Schwerpunkte dieses Programms sind Wissensvermittlung, Schulung, Kommunikation, Dokumentation. Die hochqualifizierten Pflegeexperten/-innen und Fachpflegenden haben in Bern eine Schnittstellenfunktion. Sie übernehmen nicht nur die Edukation der Patienten, sondern auch die Organisation und Koordination der Patientenberatungen sowie der weiteren Maßnahmen. Die Krankenversorgung wird in Bern also ganzheitlich und intrasektoral geleistet.

Versorgung von Herzschwächepatienten bereits seit ca. 14 Jahren akademisiert

Am Inselspital Bern hat sich die Versorgung der Herzschwächepatienten seit circa 14 Jahren als wichtiger, eigener Bereich der Kardiologie spezialisiert und auch akademisiert. So wurde bereits 2002 der Nachdiplomkurs „Herzinsuffizienzberaterin/Herzinsuffizienzberater“ in Bern eingeführt. Diese Weiterbildung schließt in der Regel an die Grundausbildung zur/zum „diplomierten Pflegefachfrau/diplomierten Pflegefachmann“ an. Um den genannten Nachdiplomkurs zu besuchen, muss die Pflegefachkraft zudem Berufserfahrung in der Kardiologie nachweisen. Der Nachdiplomkurs dauert 21 Tage und schließt mit einer schriftlichen Abschlussprüfung ab. Man erhält bei bestandener Prüfung ein Zertifikat als Herzinsuffizienzberaterin/Herzinsuffizienzberater, das in allen Kantonen der Schweiz anerkannt ist.

Herzinsuffizienzedukation seit 2003

Die Herzinsuffizienzedukation startete am Inselspital Bern erstmals 2003. Damals wurden auch die ersten Unterlagen für ein Konzept zur Herzinsuffizienzberatung entwickelt, wie zum Beispiel die Anmeldung einer Herzinsuffizienzberatung, die Regelung des Ablaufs und die Dokumentation der Beratung. Von 2008 bis 2009 erarbeitete federführend die Pflegeexpertin Seraina Bischoff (Leiterin der Herzinsuffizienzberatung) in Zusammenarbeit mit ihrer Arbeitsgruppe (vier Herzinsuffizienz-beraterinnen) und einem Oberarzt der Kardiologie ein neues Konzept für die Herzinsuffizienzberatung. 2015 wurde dieses Konzept nochmals von Fr. Bischoff überarbeitet. Generell wird in Bern nach einem speziellen Modell gearbeitet, in dem die betroffene Person im Mittelpunkt steht. Die erkrankte Person wird in erster Linie von ihrem Kardiologen, ihrem betreuenden Arzt und von der Herzinsuffizientberatung  betreut. Es können aber weitere Spezialisten wie zum B. Sozialdienst, Physiotherapeuten, Psychologen/Psychiater, Ernährungsberater und eine anschließende ambulante Rehabilitation hinzugezogen werden.

Erarbeitung von Minimalzielen

Inhaltlich zentral ist, dass bei Entlassung mit 10 Minimalanforderungen am Wissen und an den Fähigkeiten des Patienten gearbeitet wird (Minimalziele), so dass der Patient nicht überfordert wird. Diese beinhalten: Krankheitsverständnis, Gewicht, Alarmsymptome, Notfallszenario, Diät und Ernährung, Medikamente, Risikofaktoren und Toxine, körperliches Training, psychosoziale Probleme, Selbstkontrolle sowie Fähigkeiten. Diese Punkte werden den Patienten durch Edukation und durch intensive Betreuung anschaulich und eingängig vermittelt, mit dem Ziel, seine Erkrankung selbstständig zu managen.

Detaillierte Dokumentation

Auch für die anschließende Dokumentation der Herzinsuffizienzberatung gibt es am Inselspital ein sehr gut entwickeltes Programm. Die sehr detailliert geführte Dokumentation ist für alle Betreuenden der Patienten am Inselspital einsehbar. Auch der Hausarzt oder heimatnahe Kardiologe bekommt eine Printversion. Die Herzinsuffizienzberatungen werden sowohl auf Station im stationären Setting als auch im Ambulatorium für Herzinsuffizienz und Herztransplantation im ambulanten Setting durchgeführt.

Tolle Betreuung

Meine Hospitation am Inselspital Bern war sehr interessant und lehrreich. Ich durfte das Versorgungsmodell in all seinen Aspekten kennenlernen und hautnah erleben, wie die Schweizer das äußerst anspruchsvolle Tätigkeitsprofil ausfüllen. Viele der Eindrücke, die ich gewonnen hatte, werden mir in meinem eigenen Berufsalltag weiterhelfen und wertvolle Ansätze für die Weiterentwicklung meiner Arbeit am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz hier in Würzburg sein. Von meinen Gastgebern wurde ich sehr herzlich und hochprofessionell aufgenommen. Die Mitarbeiter des Ambulatoriums für Herzinsuffizienz und Herztransplantation, sowie die Leiterin der Herzambulanzberatung Seraina Bischoff, haben vor meiner Anreise einen Plan für meine Hospitation erstellt und sich sehr viel Zeit für mich und meine Fragen genommen. Durch diese Hilfsbereitschaft und uneingeschränkte Möglichkeit Einblick zu erhalten, konnte ich sehr viel über die Versorgung chronisch kranker Patienten in der Schweiz mitnehmen.

Neue Horizonte

Das Ziel der Maßnahme, neuere in der Praxis bewährte Behandlungs- und Schulungskonzepte für Herzinsuffizienz-Patienten kennenzulernen, wurde durch diese Hospitation am Inselspital Bern in der Schweiz in vollem Umfange erreicht. Für mich war diese Hospitation in Bern in jeder Hinsicht positiv, hat mir sehr viel Spaß gemacht und ganz neue Horizonte eröffnet.

Meine Kollegin Anja Knoppe (Kurzbericht: Heart Failure Management in Großbritannien) und ich haben die Maßnahme als Teammaßnahme durchgeführt und zu ähnlicher Fragestellung in unterschiedlichen Ländern hospitiert.  Wir haben deutliche Unterschiede bei der Versorgung von Herzinsuffizienzpatienten in der Schweiz und Großbritannien festgestellt. Meine Erkenntnisse aus der Schweiz, sowie Fr. Knoppes Erfahrungen in England, wurden im Team des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz intensiv diskutiert, so dass sicherlich einige der neuen Ideen in ähnlicher Weise auch an unserem Zentrum umgesetzt werden können.

Dieser Bericht wurde verfasst von Constanze Richter, examinierte Krankenschwester, Herzinsuffizienzschwester und Studienassistentin am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg.

Kontakt: Richter_C2[at]ukw.de